Mittwoch, 18. Februar 2015

Me Made Mittwoch: Faltenrock mit Gerhard Richter

Geht es euch auch so, dass eure Augen ab und zu richtig Futter brauchen? Also nicht in Form von jpgs und Zeitschriften, sondern so richtig.

Bis zum 22.2.15 gibt es im Neuen Museum Nürnberg eine Ausstellung mit 28 Bildern von
Gerhard Richter aus dem Zeitraum von 1957 bis 2003. Die Bilder der Ausstellung mit dem Titel "Ausschnitt" stammen aus der Sammlung Böckmann und stellen die drittgrößte Sammlung an Werken von Gerhard Richter weltweit dar. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen.

Vor einiger Zeit hatte ich den Film "Painting" über Gerhard Richter und sein Leben, sein Werk und seine Arbeitsweise gesehen und es sollte ein paar Jahre dauern, bis ich den ersten Richter sehen durfte.
Heute früh bedurfte es dann noch einiger Überredungskunst, die Kinder zu motivieren (was heißt hier zu motivieren, zur Not hätte ich sie huckepack hingetragen! Tut mir leid, meine kleinen Süssen, aber diese Entscheidung entzieht sich eurer Kompetenz und überhaupt. Ich hatte auch keine große Lust mir mit euch "Paddington" im Kino anzusehen. Und? Dann war es ja doch ganz nett. Kompromisse sind essentiell im Zusammenleben und erweitern den Horizont.), und nach einer Autofahrt gespickt mit Fußballrätseln (LEIDER nicht mein Metier sondern das des Gatten... ich war praktisch gezwungen zu stricken) und einer folgenden Stärkung mit Nürnberger Faschingskrapfen ("wenn der Magen voll ist, singen die Vögel und die Menschen lachen") ging es rein in das schöne Neue Museum.

Das Museumsgebäude ist mitten im historischen Altstadtkern von Nürnberg gelegen und wurde nach einem Entwurf von Volker Staab gebaut. Ganz fasziniert bin ich an der langen Glasfassade entlanggelaufen, die wie ein Tentakel zwischen die alten Häuser reicht. Herrlich, wie sich dieser tolle Neubau (Eröffnung 2000) in die Altstadt einfügt! Und auch innen schmeicheln die Fluchten und Kurven dem Auge. Es wirkt alles sehr organisch, und ich hatte kein einziges Mal das Gefühl, eine Wand würde mir im Wege stehen. Selten habe ich erlebt, dass sich meine Füße wie von allein durch ein Gebäude bewegen, als würde ich von einer fremden Hand geleitet. Genial, wenn Architektur so etwas kann!

Der erste Eindruck war also schon vielversprechend, und es sollte nur so weitergehen.
Gleich das erste Bild ("Waldstück", 1965) bannte mich, es hypnotisierte mich richtiggehend. Ich neige wirklich nicht zu Übertreibung und Dramatisierung, aber ich musste mich nach längerer Zeit richtig losreißen davon.  Beim Portrai Liz Kertelge (1966) entstand in mir der unbändige Wunsch, auch so ein Porträt (von mir natürlich) mein eigen zu nennen... wunderschön, dieses Gesicht, und perfekt (dabei ohne irgendeine eine Interpretation oder hineingelegten Charakter) abgebildet, sehr schmeichelnd dazu. Hach...
Und einige Bilder weiter kam das Bild, welches mich am meisten bewegt hat: Seestück (bewölkt), von 1969. Ich war nach Minuten dazu gezwungen, weiterzugehen, weil der Kleine etwas zu wild herumhampelte, aber es zog mich im Laufe des Aufenthalts in dem großen Ausstellungraum mehrmals wieder dahin zurück. Ich weiß auch nicht, was es war, die Farben, das lebendige Meer, der große und bewegte Himmel, die verwischte Malweise... das Bild füllte mich einfach aus und ich konnte darin versinken.
Das berühmte Gemälde "Schädel mit Kerze" war ebenso zu sehen wie viele abstrakte Bilder, u.a. das wunderschöne "Abstrakte Bild" (1991), welches mich von den abstrakten Bildern am meisten fasziniert hat.

Aus meinem Traum wurde ich immer mal wieder von einer Aufseherin gerissen, die mich ermahnte, meinen Strickmantel bitte nicht über dem Arm zu halten sondern anzuziehen (dieselbe, die mich am Einlass mit meiner "zu großen" - what?? - Handtasche nochmal zum Schließfach zurückgeschickt hat) und mich aufforderte, etwas weiter weg vom Bild zu stehen, als ich gerade dabei war, die Ergebnisse der Rakeltechnik des Künstlers genauer unter die Lupe zu nehmen. Aber ich verzieh ihr großmütig, sicher sind die ca. 6 Aufseher in dem Raum von seiten der Versicherung genauestens instruiert worden.

Übrigens: hier kann man sehen, wie man sich ganz einfach sein eigenes schönes Bild rakeln kann... :-) Ich glaube, das mache ich bald mit dem Großen, so zur Nachbereitung des Ausflugs.

Nach der Richter-Ausstellung sahen wir noch einige andere tolle Bilder und Objekte moderner Kunst, und alles in einem bin ich voll des Lobes für dieses Museum! Sogar den Kindern hat es letztendlich gefallen, und jeder hat sein Lieblingsbild (beim Kleinen war es ein Objekt, was muschelartig aussah und auf dem Boden lag und wo man sich gegenseitig - jeder an einem Ende auf dem Boden kniend und in ein Ende der Muschel lukend - ins Auge sehen konnte) gefunden. Und das alles für 6,- Euro Eintritt, die Kinder kamen sogar kostenlos rein! Na, da bekommste doch was für dein Geld.

Hiermit also meine allergrößte Empfehlung für alle, die einigermassen in der Nähe von Nürnberg bzw. in Bayern wohnen, die Anfahrt lohnt sich!
Wem das zu weit ist, der kann sich hier alle Werke zumindest von Gerhard Richter online ansehen.

Jetzt schwafele ich hier herum, dabei geht es doch eigentlich um den Me Made Mittwoch.
Genäht habe ich den Faltenrock mit plissiertem Faltenboden aus der Burda 12/2014.
Da ich aber auch den Faltenboden aus Wolltweed (und nicht wie angegeben aus kunstfaserhaltigem Material, welches die Falten von allein hält) gefertigt habe, musste ich die Falten einzeln einnähen. Das hat ein bisschen gedauert, und letztendlich würde ich von der Methode doch abraten. Man bekommt die Falten nicht besonders regelmässig hin, da würde sich ein einfacher Faltenboden deutlich praktischer nähen lassen und fast denselben Effekt haben. Aber nun habe ich die Methode für euch getestet und zeige nun endlich das Ergebnis. Mit dem Rest des Schnittes bin ich sehr zufrieden. Die Passe ist toll und sitzt super, und auch der Fall des Rocks ist sehr schmeichelhaft. Mit einer einfachen Kellerfalte in der Mitte vorn und hinten sollte der Rock ruck-zuck genäht sein, und genau das werde ich in Kürze noch einmal tun.

Jetzt aber.

Erst einige Details zur Fertigung:

so habe ich versucht, die Falten einigermassen gleichmässig zu nähen (also immer am Faltenberg bzw - tal eine Naht dicht an der Kante genäht)


die Riegel wurden mit je einem Kreuzstich mit Knopflochgarn befestigt, von hinten sieht der Rock genauso aus, nur ohne Riegel



vor dem Abstrakten Bild von 1988 von Gerhard Richter
 




vor "Virginia, housewife 1" von Julian Opie, mit herunterhängendem Saumzipfel

So, nach diesem Ausflug geselle ich mich nun zu allen anderen, die hier auf dem Me Made Mittwoch Blog ihre selbstgeschneiderte Kleidung zeigen, heute angeführt von Frau Kirsche in einem wunderschönen dunkelblauen Flanellkleid!

Liebe inspirierte Grüße,
Nastjusha

Kommentare:

  1. Ich stimme dir in allem zu von den Bildern über die Architektur des Museums bis zur Verwunderung über die Einschätzung meiner Handtaschen-Größe!
    Der Rock ist klasse und steht dir sehr gut. Gerne weitere Exemplare (Faltenröcke...)
    LG, Luise

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  2. Der Rock ist der Hammer und einer meiner Lieblingskünstler ist Gerhard Richter. Ich war 2012 in Berlin.
    Grüße aus Leipzig

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  3. Einen wunderschönen Rock hast du dir genäht und vielen Dank für den Museumsreport.
    Martina

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  4. Haha, die "Aufseherin" klingt nach typisch fränkischer Herzlichkeit. Könnte ich ja eigentlich noch vorbei, wenn ich nächste Woche mein Patenkind in Fürth besuche...muss ich mal meine Mutter fragen, ob sie mitkommt. Wir waren gestern in der Schirn in Frankfurt. Naja, die Ausstellung über die Affichisten war jetzt nicht so meins...

    Der Rock sieht toll aus! Vielleicht könnte man den Faltenboden auch mit einem Biesenfuss etwas in Falten legen. Muss ich mal testen, wenn er das ist, der Fuß.

    Liebe Grüße
    Julia

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  5. Tolle Bilder und ein toller Rock in einer tollen Ausstellung. ..
    Danke schön für den kleinen Rundgang !

    Liebe Grüße
    Stella

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  6. Was für eine Arbeit! Aber jede Minute hat sich gelohnt. Traumhaft.
    Liebe Grüße
    Sandra

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  7. Oh ja, der Rock sieht klasse an dir aus und schön, dass du uns ein wenig an der Ausstellung teilhaben lässt.
    LG von Susanne

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  8. Der Rock ist toll. Vielleicht probiere ich den mit einfacher Kellerfalte, bin nämlich noch auf Schnittsuche.
    Gerhard Richter ist mir als Kölnerin natürlich besonders durch sein tolles Glasfenster im Kölner Dom ein Begriff.

    LG Luzie

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  9. Danke für deinen Ausstellungs-Tipp (und den, die Kinder mitzunehmen ;-) das werde ich ausprobieren) Dein Outfit ist super chic und vom Mantel bis zu den Stiefelspitzen perfekt aufeinander abgestimmt (schade, dass die "riesige" Tasche in Verwahrung musste ;-) die hätte ich noch gerne gesehen)
    Liebe Grüße
    Jackie

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  10. Ich habe heute leider nicht den Nerv, deinen langen Bericht zu lesen. Hole ich aber bestimmt noch nach, am Wochenende. Dein Rock ist sehr schön geworden und erinnert mich daran, dass ich mir das Heft extra wegen dieses Rockes gekauft habe.
    Grüße Alexandra

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  11. Ich verstehe genau, was du meinst. Dieses Sehenwollen ist Futter für die Seele, ich brauche das auch immer wieder. Deine Begenungen mit dem Museumspersonal hast du wunderbar beschrieben, ganz manchmal gibt es die netten Mitarbeiterinnen in Museen, die nur ihre Freude über die tolle Ausstellung teilen wollen.
    Verblüffend sind da für mich immer meine Besuche im Martha in Herford, da gibt es in der Regel keine. Barrieren und nur nette Menschen, die sich mit dir freuen.
    Ich habe mich immer gefragt, ob das zum Teil nicht auch an der Architektur liegt. Das Martha ist ein Gebäude von Gehry, das dich willkommen heißt. Kann ein Gebäude seinen Geist weitergeben?
    Irgendwann überprüfe ich das mal in Bilbao.
    Jedenfalls warst du für einen Richter Besuch stilvoll gekleidet. Einen Rock mit Kellerfalte brauche ich auch noch unbedingt.
    LG,
    Claudia

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  12. Tolles Outfit und danke für den Link zum inspirierenden Video.
    lG Claudia

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  13. Dein Rock gefällt mir ausgesprochen gut. So ein Sattel wirkt einfach unglaublich edel!
    Liebe Grüße
    Constance

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  14. Der Rock ist klasse!
    Und ich wünschte die Ausstellung wäre nicht soo weit weg...aber deine Fotos geben einen kleinen Einblick!

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  15. Großes Kompliment für deinen anregenden Museumsbericht und die herrlichen Fotos. Ich habe hier beim Lesen schon ein paar Hachze vor mich hingemurmelt. So schön!
    LG
    Wiebke

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  16. Wow ein Wahhnsinnsrock, und vielen Dank für Deinen ausführlichen Bericht. Mir gefällt dieser Schnitt auch sehr gut, aber ich traute mich eben über diese Faltengeschichte nicht drüber. Deine Version ist sehr, sehr schick und stylisch.

    LG Carola

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  17. Der Bericht ist auf jeden Fall Futter für diejenigen, die nicht hingehen können. Und Dein Rock an Dir auch, Augen-Futter ;) Das mit der Tasche, das machen die Aufseher im dicken B mit Vorliebe! Aber erst mitten in der Ausstellung, mit zwei Kindern an der Hand, sonst bringst ja keinen Spass - auch unter Erbarmungsbetteln, dass dort das Windel-Equipment verwahrt sei, ist kein Erbarmen zu erwarten - eben nur der strafend genervte Blick, wenn man dann zum zweiten Mal die Tasche herausbitten muss, um noch mal Windel wechseln zu gehen. Dit haste nun davon.
    Liebste Grüsse heike

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  18. Wow, der Rock ist einfach toll! Sehr elegant und die Falten sind wirklich ein Hingucker, da hat sich die Arbeit gelohnt!

    Danke auch für den Ausstellungstipp! Da ich in der Nähe von Nürnberg wohne, hatte ich eh schon vorgehabt, das Museum zu besuchen, hat nur noch ein kleiner Anstupser gefehlt ;)

    Liebe Grüße
    Julia

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  19. Wie schön! Sowohl der Bericht über die Ausstellung als auch Dein tolles Outfit. Der Rock ist mir im Heft auch positiv aufgefallen, schaut super aus! Ich war am Wochenende in einer Fotosausstellung - hat mir auch neue Einblicke gewährt und mich angeregt. Nicht alles gefällt mir, aber ist dennoch interessant anzusehen. LG Kuestensocke

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  20. Sieht toll aus dieses Outfit! Besonders die Fotos sind klasse geworden!
    LG

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  21. das ist ein sehr schöner rock, die länge steht dir perfekt! wollröcke sind mein favorisiertes kleidungsstück im winter.
    im neuen museum war ich in der dürer ausstellung(2012?), da musste man beim einlass sehr lange anstehen und konnte ausufernd die glasfassade studieren...nee, der museumsbau hat was, da stimme ich dir zu.Den film mit gerhard richter hab ich auch gesehen und war in der ausstellung in der nationalgalerie in berlin. War ziemlich enttäuscht, weil die Bilder so verloren wirkten in dieser umgebung...schade, nach nürnberg schaffe ich es bis zum 22. nicht mehr.
    Deswegen großes Dankeschön für deinen Museumsbericht!
    viele grüße
    mimi

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  22. Hey, den habe ich auf meiner Liste :-) Mich hat allerdings auch der plissierte Faltenboden abgehalten, ich werde also gleich einen einfachen machen. Deiner ist jetzt meine Inspiration :-)

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Danke für´s Kommentieren!