Freitag, 28. Februar 2014

Mein schwerster Kampf: Newcastle Cardigan aus Webstoff

Eins vorweg: ich habe gesiegt. Aber bis dahin war es ein langer und steiniger Weg.


Von vorn: Anfang des Jahres hatten sich ja schon viele erfolgreich an dem neuen schicken Herrenschnitt namens Newcastle Cardigan von Thread Theory versucht, u.a. sind hier bei Wiebke, da bei Monika, dort bei Yvonne und drüben bei Tina herrliche Exemplare rausgekommen.
Ich konnte mir diese Jacke super an meinem Gatten vorstellen und dachte mir: das ist doch ein tolles Geschenk zu seinem Geburtstag Ende Januar.

Begonnen habe ich eigentlich rechtzeitig, aber dies hier war mein erster Online-Schnitt und mein erster Schnitt inkl. Nahtzugabe. Manchmal starrte ich die ausgedruckten Blätter so begriffsstutzig an wie der erste Mensch.  Und alles sollte heimlich geschehen, d.h. nur wenn er weg war und dann möglichst schnell. Den Schnitt bastelte ich also irgendwie zusammen.

Ich wollte die Jacke aus Webstoff nähen und überlegte hin und her, aus welchem. Zuerst bestellte ich einen dunkelbraunen Walk, der mir im Nachhinein aber zu dick erschien, und gnädigerweise konnte ich die Bestellung stornieren.
Dann stattete ich meinem Stoffhändler um die Ecke einen Besuch ab und fand einen wunderschönen Wollstoff: Fischgrat in Senffarbe (oder intensives Ocker) und Schokoladen-Dunkelbraun, mit einer Art Bouclé-Struktur, also nicht glatt gewebt sondern mit schöner strukturierter (wenn auch unregelmässig) Oberfläche. Ich tippe auf reine Wolle oder ein hochwertiges Wollgemisch - der Stoffhändler kauft immer Kollektionsmaterial günstig auf und hat dementsprechend vernünftige Preise, aber oft fehlen die genauen Angaben zur Zusammensetzung des Stoffs.

Gut, ich kaufte also diesen relativ dicken Wollstoff und bestellte dazu dunkelbraunen Breitcord.
Normalerweise trägt mein Mann Gr. L, aber da dies ein Schnitt für Jersey ist, war ich schlau und schnitt Gr. XL aus. Leider reichte das immernoch nicht, aber das sollte ich erst später erfahren.

Zum Geburtstag fertig zu werden, davon hatte ich mich sowieso schon verabschiedet.
Ich schenkte also den ausgeschnittenen Papierschnitt her - sah ganz ganz toll aus, wie ihr euch vorstellen könnt.
Dann irgendwann begann ich, schloss die Nähte, steppte sie ab und nähte gleich mal den Kragen falsch an: NIEMALS abends müde etwas zuende bringen wollen!
Nach einem ersten Wutanfall legte ich das Ding erstmal beiseite um mich zu beruhigen und machte mich an mein Tageskleid, zur allgemeinen Entspannung.

Damit fertig, setzte ich mich irgendwann wieder mit meinem Nahttrenner hin und fing das lustige Auftrennen an. Dieser Stoff ist mit Abstand der fransigste, den ich jemals verarbeitet habe, hier kommt das nur halb rüber.

 
Den Kragen setzte ich also neu und halbwegs richtig an. Er endete zwar in der Mitte der Knopfleiste, aber die liebe Wiebke, die mir die ganze Zeit mit Rat und Tat zur Seite stand, meinte, das wäre häufig so.

Dann ging´s weiter: Futterschnitt erstellen, denn ursprünglich ist da keins vorgesehen.
Normalerweise ziehe ich vom Schnitt für den Oberstoff einfach die Belegschnittmuster ab und fertig. Aber hier mit der integrierten Nahtzugabe.... ich bekam fast einen Knoten im Hirn.
Irgendwie friemelte ich also das Futter zusammen und setzte es ein. Ich merkte dabei schon, dass die Saumweite des Futters geringer war als die des Oberstoffs, dachte aber, ich könnte das irgendwie hinschummeln.

Keine Ahnung, warum ich die Jacke erst jetzt anprobieren ließ, also NACH dem Zusammennähen, Absteppen und Füttern. Ich sag ja, wie der erste Mensch.
Ich ließ also siegessicher die Jacke anprobieren und stellte fest, dass wohl 8cm "Umfang" fehlten. Man hätte die Jacke so anziehen können aber nie im Leben schließen können. Ich wußte noch nicht so recht, woran das liegen könnte, aber nach dem Herausnehmen des Futters merkte ich, dass es größtenteils am zu kleinen Futter lag und auch ein wenig an der Jacke. Ich muss mich beim Futterschnitt mit den Nahtzugaben, Belegen und Knopfleisten irgendwie verrechnet haben.

Das war der Moment, wo ich dachte, ich gebe auf. Wäre es nicht das versprochene Geburtstagsgeschenk gewesen und hätte sich mein armer ewig hingehaltener Schatz nicht so sehr darauf gefreut, ich hätte auch aufgegeben und das Ding aus dem Fenster geworfen.

Also: Futter, Absteppungen, Seitennähte, Knopfleistennähte und Belegnähte aufgetrennt. Dann holte ich beim erneuten Zusammennähen ca. 4cm raus, damit passte die Jacke an sich. Leider verschob sich der Kragenbeginn noch mehr zur Mitte hin, und er ist nicht mehr ganz in der Mitte der Knopfleiste. Aber das war mein geringstes Problem.
Ich trennte die Seitennähte des Futters auf und holte nochmal einen guten cm aus den NZ raus.
Dann schnitt ich es in der Mitte des Rückenteils auf und setzte eine Monster-Bewegungsfalte von ca. 6 cm Breite ein! Oben passte das Futter ja, nur am Saum nicht.


Schick, gell?
Dann nähte ich wieder alles zusammen und es passte endlich. Nagut, die Ärmel des Futters waren auch irgendwie zu kurz, und ich musste die Manschetten innen superweit nach oben schieben, damit sie sich mit dem Futter trafen (das Charakteristikum von Newcastle, nämlich die langen Ärmel mit den langen Ärmelaufschlägen ist also auch nicht ganz erfüllt), aber das war angesichts des bereits Durchgestandenen ein Klacks, über den ich nur müde lachen konnte.

Knöpfe angenäht und endlich, mit einem Monat Verspätung hergeschenkt. Mein Schatz ist glücklich, und nachdem er das ganze Drama mitbekommen hat, weiß er das Geschenk auch zu schätzen!



Ok, ich könnte nochmal drüberbügeln...


An dieser Stelle nochmal vielen lieben Dank an Wiebke und auch Monika, die mir hilfreich zur Seite gestanden sind! 
Und für alle, die Newcastle Cardigan aus Webstoff nähen wollen: mindestens eine Größe größer wählen und zwischenprobieren. Außerdem sollte der Stoff nicht so dick sein wie meiner. Am Kragen und Knopfleisten-Kragen-Treffpunkt ist das alles recht dick und steif geworden...

Da heute von Monika auch noch zufällig der FrühlingsHerrMann ausgerufen wurde, verlinke ich mich dort gleich.

Erschöpft aber glücklich,
Nastjusha

Kommentare:

  1. Mannomann, Hut ab für dein Durchhaltevermögen, was für ein Geschenk!!!
    Abgesehen davon sieht man der Jacke das Entstehungsdesaster nicht an und der Tweed ist natürlich totschick, so much more sophisticated than Jersey!
    LG von Katharina

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    1. Danke, Katharina, ich finde den Stoff auch superschick! Der Wert dieses Geschenks ist tatsächlich unbezahlbar... ;-)
      Liebe Grüße!

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  2. Ach du Arme, es ist so ätzend, ein vermeintlich fertiges Kleidungsstück wieder autrennen und erneut zusammennähen zu müssen. Ich habe beim Lesen mit dir mitgelitten.
    Das Ergebnis begeistert mich allerdings, Farben und Stoffe sind klasse-eine wirklich lässig-schicke Männerjacke.
    LG Susanne

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    1. Danke für dein Mitleiden, jetzt geht´s mir schon besser... :-)
      Liebe Grüße,
      Nastjusha

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  3. Oh, so viel Arbeit die dahinter steckt - aber der Cardigan ist so schön geworden! Aus Webstoff wirkt er viel edler und dennoch spezieller als ein Jackett. Sehr sehr hübsch, das hast du toll hingekriegt. Die ganzen Pfriemeleien lesen sich zwar sehr mühsam, Respekt vor dem Anpassen des Schnitts. Jetzt darfst du aber stolz sein und dich mitfreuen, wann immer dein Mann den Cardigan trägt. Ich schaue derweilen besser, dass der Kamelmann den nicht zu Gesicht kriegt...

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    1. Naja, die Chancen sind doch gering, dass der Kamelmann die zu Gesicht bekommt, oder durchforstet er täglich deine Blogroll?? ;-)
      Liebe Grüße!

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  4. Du Tapfere, hiermit verleihe ich dir den Nähnerd-Ehrenoscar.
    LG
    Wiebke

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    1. Ich fühle mich wirklich geehrt, Wiebke! Habe in Gedanken schon über den roten Teppich flaniert und meine Dankesrede gehalten.
      Liebe Grüße!

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  5. Mut (aus einem Cardigan-Schnittmuster eine gefütterte Jacke zu zaubern – alle Achtung!), Hartnäckigkeit und Ausdauer haben sich gelohnt. Die Jacke ist toll geworden und steht deinem Man richtig gut. Mir gefällt auch der Styling sehr gut!
    LG Yvonne

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    1. Mannomann, wo ist denn bei de(ine)m Mann das zweite n geblieben ?! :-)

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    2. Danke, Yvonne, an Hartnäckigkeit und Ausdauer stehst du mir aber in nichts nach!
      Liebe Grüße,
      N

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  6. Hallo Nastjusha, eine wirklich sehr tolle Jacke. Ein extra Bonus - aus Webware eine eigentlich drunter Jacke aus dehnbaren Stoffen zu zaubern. Da reitet einem manchmal der eigene Ehrgeiz und führt dann zu solch Dilemma. Kenne ich auch. Drum sei doppelt stolz auf diese klasse Jacke. Und falls du sie nochmal nähen willst, aus dehnbarem Material, ich hätte noch 1,5 m karierten Wollstoff von der Jacke meines Mannes.
    Eine kleine Anmerkung, ich habe wohl zu viel geschrieben in meinem Post, oder nicht ganz deutlich. Die Erinnerung sollte eigentlich gleichzeitig eine Inspiration für eine Schnittsammlung sein, und die fertigen Teile 1 Woche später. Ich freue mich aber trotzdem, daß du mitgemacht hast. Jetzt hast du ja noch 6 Tage bis nächsten Freitag. harhar.
    lg monika

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    1. Ja, so langsam hat mir auch geschwant, dass ich irgendwas falsch verstanden habe... sorry! Und danke für dein nettes Angebot! Vielleicht sollte ich mich aus therapeutischen Gründen nochmal dran wagen. So wie man wieder auf´s Pferd steigen soll, wenn man heruntergefallen ist. Quasi um ein lebenslanges Newcastle-Trauma zu vermeiden.
      Ich melde mich dann nochmal bei dir!
      Liebe Grüße,
      Nastjusha

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  7. Klasse! Deine Ausdauer hat sich echt gelohnt, der Stoff passt hervorragend zum Schnitt und dein Mann sieht echt schick darin aus!

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  8. Unglaublich! Was für eine Ausdauer! Nie und nimmer hätte ich das Ganze noch einmal aufgetrennt und neu zusammengesetzt … Aber ihr wurdet ja belohnt - Du und Dein Mann :)
    Super coole Jacke, die Du ihm da geschenkt hast!
    Christel

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  9. Puh, was für ein Krimi. Aber eine tolle Jacke! Aus Webstoff gefällt mir der Schnitt wirklich gut. Dünner Walk wäre bestimmt auch schön und wenigstens minimal elastisch. Ich denke schon mal laut, den ich wollte die auch noch nähen. Aber wenn ich das mache, schneide ich am Schnittmuster erstmal rundherum die Nahtzugaben weg - mich verwirrt das nämlich auch total.

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  10. Wie gut, dass dein Mann die Jacke mag - dann hat sich die Mühe wenigstens gelohnt. Ist ja auch ein klasse Teil geworden.
    Ich will übrigens mittlerweile gar nicht mehr ohne eingebaute Nahtzugabe arbeiten ;-)
    Ciao
    Constance

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  11. Im Threads Magazine gab es übrigens neulich einen Artikel zum schnellen Füttern, wo das Futter genauso wie der Oberstoff zugeschnitten wird. Ich habe es noch nicht ausprobiert, aber es hört sich ganz gut und praktisch an: http://www.threadsmagazine.com/item/4971/a-shortcut-to-great-linings
    Ciao
    Constance

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